Können wir Schönheit erkennen, wenn wir nicht damit rechnen?

Ein Violinist stellt sich morgens früh in die Bahnhofshalle einer U-Bahn und beginnt zu spielen. Dabei wird er fast gar nicht von den vorbeiströmenden Menschen beachtet, die gehetzt zur Arbeit unterwegs sind. In den ersten 3 Minuten in denen er spielt, passiert nichts erwähnenswertes, 63 Menschen sind schon an ihm vorbeigegangen ohne erkennbare Resonanz. Aber dann immerhin kommt ein Mann, der im vorbeigehen kurz den Blick auf dem Musiker ruhen lässt. Eine halbe Minute später bekommt der Violinist das erste Geld in den Hut gelegt. Nach 6 Minuten nimmt sich ein erster Passant die Zeit zuzuhören, er stellt sich an eine Wand und lauscht den Klängen des Geigers. Nach 43 Minuten beendet der Mann seine Darbietung, es gibt keinen Applaus., keine Zeichen von Wertschätzung. Magere Ausbeute der musikalischen Darbietung: 35 Dollar, insgesamt von 27 Menschen gegeben, die meisten haben im Vorbeigehen das Geld in den Hut geschmissen. Insgesamt 7 Menschen haben für jeweils mindestens eine Minute innegehalten, 1070 gingen einfach vorbei. Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Ansammlung von Menschen, nicht einmal für einen kurzen Moment.

Woher man das alles so genau weiß? Weil es sich dabei um ein soziales Experiment gehandelt hat.

Szenen, die sich in jeder Hauptstrasse oder Bahnhofshalle abspielen könnten? Durchaus, das Besondere, bei dem Geiger handelte es sich um Joshua Bell, einem der weltweit besten Musiker, der mehrere der komplexesten und anspruchsvollsten Musikstücke, die je geschrieben wurden sind,  auf seiner 3,5 Millionen teuren Stradivari-Geige spielte. Drei Tage zuvor hatte er in der Boston State Hall ein Konzert mit den selben Musikstücken vor ausverkauftem Haus gegeben, die Karten kosteten im Durchschnitt 100 Dollar.

Was bedeutet das?

Wie kommt es, dass den Menschen diese außergewöhnliche Darbietung nicht aufgefallen ist? Eine Antwort der Forscher lautet: „Kontext matters“. Die Umgebung ist anscheinend ausschlaggebend dafür, ob wir etwas für schön, ästhetisch und künstlerisch bedeutsam halten.

Und, erwachsene Menschen laufen vielleicht einfach auch mit Scheuklappen durchs Leben, besonders morgens früh auf dem Weg zur Arbeit. Lassen sich hetzen von Terminen, schotten sich ab mit Telefon und ipod, um bloß nichts von der Außenwelt mitzukriegen. Schade, dass einem dabei ein vorzügliches Gratiskonzert entgehen könnte. Das spannende, jedes Mal, wenn ein Kind an Bell vorbeiging, versuchte es anzuhalten und zuzuschauen und jedes Mal zog ein Erwachsener das Kind weg.

Fragen, die durch dieses Experiment aufgeworfen wurden:

  • Können wir Schönheit in einem alltäglichen Umfeld zu einem unangemessenem Zeitpunkt wahrnehmen?
  • Erkennen wir Talent in einem unerwarteten Kontext?

Es scheint schwierig zu sein, Schönheit in einem unerwarteten Kontext zu erkennen, vor allem, wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit auf etwas anderes fokussiert sind. Was dazu beitragen würde, Schönheit und Ästhetik wahrzunehmen ist sicherlich mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen und innezuhalten, so wie die Kinder es uns vormachen.

Wenn wir blind und taub durch die Welt gehen und uns noch nicht einmal ein begnadeten Musiker bei  seiner musikalischen Bestleistung auffällt, was entgeht uns dann noch an vielleicht kleineren, profaneren Momenten, wo wir nicht mit Schönheit rechnen?

Hier ein ausführlicher Artikel über das Experiment.

Ihre Tanja Madsen für den Coachingberlinblog.

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